WOLFRAM

VERANTWORTUNG? ALLERDINGS!

Um es vorweg zu nehmen. Ich empfinde Begriffe wie Lügenpresse als beleidigend. Manche machen es sich sehr einfach, wenn sie behaupten, wir Medienvertreter seien käuflich, manipulierten die öffentliche Meinung und würden unserer besonderen Verantwortung nicht gerecht. Wir arbeiten hart. Wir versuchen uns am ganzen Bild und das schaffen wir nicht immer.

 

Als Öffentlich-Rechtliche haben wir einen Informationsauftrag. Das ist ein ständiger Versuch, ein breites Spektrum an Meinungen und Überzeugungen zu Wort kommen zu lassen. Das war in der Pandemie nicht anders. Doch um einordnen zu können, benötigen wir Fakten. Journalismus ist ja zunächst einmal auch Handwerk. Das SARS-Cov2-Virus war für uns alle neu. Nur wenige von uns hatten vorher mit Virologinnen und Virologen oder Epidemiologen zu tun gehabt. Die Wissenschaftsredaktion arbeitete sich täglich durch Zahlen und gab eigene Einordnungen. Darüber hinaus aber ging es darum, die politischen Entscheidungen zu gewichten. Die Besonderheit deutscher Politik war, dass es mit einer Physikerin und einem Mediziner im Kanzleramt einen ganz bestimmten Blick auf die Welt gab.

 

Wir erkannten schnell, dass diese Pandemie sehr unterschiedliche Reaktionen hervorrief. In der Folge bauten wir neue Formate aus und richteten einen stärkeren Fokus auf Partizipation. BR24digital etwa nahm jetzt neben den klassischen Ausspielwegen wie Radio und Fernsehen eine deutlich größere Rolle ein. Und das 'Social Listening' trat stärker in den Vordergrund. Worüber wird in sozialen Medien diskutiert? Wie relevant ist das, was da diskutiert wird? Wir nahmen die Themen auf, erkundeten vorherrschende Meinungen und gingen darauf ein. Das #Faktenfuchs-Team wurde erweitert. Nie zuvor gab es einen so großen Bedarf am Abgleich von Tatsachen und Tatsachenbehauptungen.

 

Es war nicht das erste Mal, dass sich der Zorn über uns Medienleuten entlud. Wir sind, auch wegen der Finanzierung durch Beiträge, schon länger eine beliebte Projektionsfläche. Wer in seiner eigenen Blase lebt, braucht keinen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Den Sack schlägt man, meint aber den Esel. Das können wir aushalten. Menschen brauchen gerade in Zeiten der Krise ein Ventil. Doch gab es Gründe, an der Politik zu zweifeln. Das hat mich mitgenommen und auch verärgert. Fehlende Notfallpläne, Regelungs- und Kompetenzwirrwarr, ein überfordertes Schulsystem, faxende Gesundheitsämter, bürokratische Hürden und so weiter und so fort. Als Jurist hatte ich über das Infektionsschutzgesetz gelernt, dass die Erklärung der epidemischen Lage mit drastischen Konsequenzen verbunden war. Der Bundestag, die Vertretung des Souveräns, war quasi ausgeschaltet. Mir gingen auch Entscheidungen zum Versammlungsrecht viel zu weit. Im zweiten Lockdown fehlte mir je länger je mehr das Verständnis. Wir haben das thematisiert und kritische Stimmen kamen zu Wort.

 

Ich bin der Überzeugung, dass wir unserer Verantwortung weitgehend gerecht wurden und werden. Natürlich haben wir in den Redaktionen kontrovers diskutiert und vor allem versucht, Schnellschüsse zu vermeiden. Nicht ohne Ursache hat sich das Mediennutzungsverhalten zu unseren Gunsten entwickelt. Das Vertrauen der Bevölkerung ist groß, die Quoten sind so hoch wie lange nicht mehr. Guter Journalismus findet, wenn man so will, im Mainstream statt. Rinnsale schwellen nur in extremen Wetterlagen.

26. August 2021

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Wolfram (60) ist Journalist und Wirtschaftsexperte beim Bayerischen Rundfunk.