VIVIAN

HEY LITTLE GIRL

Es war eine Schwangerschaft mit Hindernissen. Meine erste. Schon im Vorfeld kamen wir mit Corona in Berührung: Da unser Kinderwunsch zunächst nicht in Erfüllung ging, sollte ich mich Anfang 2020 einer Operation unterziehen. Es gab aber keine freien Krankenhaus-Kapazitäten und ich musste mich bis zum Sommer gedulden. Dann war das Glück auf unserer Seite und ab Juli freuten mein Mann und ich uns auf unser Baby.

 

Diese Zeit war jedoch nicht ungetrübt. Nach wie vor war die Welt in Angst und Sorge und wir waren in vielem sehr eingeschränkt. Ich habe mich weniger davor gefürchtet, mich selbst zu infizieren, als vor Komplikationen mit dem Baby. Schließlich war noch gar nicht klar, welche Auswirkungen Covid auf die pränatale Entwicklung nehmen könnte. Wir waren also sehr vorsichtig. Für mich war es nicht so schlimm, dass der Bewegungsradius eingeschränkt war, zumal es ja allen so ging. Obwohl wir leidenschaftlich gerne und viel reisen, hatten wir erstmal nicht das Gefühl etwas zu verpassen und genossen gemeinsam im Homeoffice, wie mein Bauch und unsere Tochter wuchsen.

 

Den ersten Ultraschall-Termin durften wir noch als Ehepaar wahrnehmen. Alle weiteren Vorsorgeuntersuchungen musste ich alleine absolvieren und mein Mann konnte nicht live am Bildschirm mitverfolgen, wie seine Tochter die Zunge rausstreckte oder am Däumchen lutschte.

 

Ab Dezember hat meine Ärtzin mir ein Beschäftigungsverbot erteilt. Ich bin im Außendienst tätig und besuchte Kunden auch in Italien oder Frankreich, wo die Inzidenz deutlich höher war als in Deutschland. Davon rieten mir meine Gynäkologin und Hebamme jetzt dringend ab und ich verbrachte die restlichen Monate im harten Lockdown zuhause - ohne Geburtsvorbereitungskurs, Schwangerschaftsyoga, Aquafitness und all die Optionen, die ich gerne ausprobiert hätte. Auch das Kennenlernen von anderen werdenden Eltern war schwierig, beim Online-Yoga steht eben der soziale Aspekt nicht im Vordergrund. Der Einkauf der gesamten Babyausstattung fand auf digitalen Marktplätzen statt und der freundliche Paketbote wurde in dieser Zeit zum meist gesehenen Bekannten.

 

Am schwierigsten waren die Geburt und die Wochenbettphase. In einer Zeit, in der wirklich gar nichts ging. Mein Mann durfte zwar mit in den Kreissaal, musste sich aber ständig testen lassen und wartete, während ich mit den Wehen kämpfte, im Nebenraum anderthalb Stunden lang auf das Testergebnis, bis er endlich zu mir durfte. Die Kleine kam schließlich per Kaiserschnitt zur Welt und eine halbe Stunde später wurde mein Mann nach Hause geschickt. Auch in den nächsten Tagen, in denen ich mit den Folgen der OP und der Versorgung des Babys völlig überfordert war, durfte er immer nur für kurze Zeit bei uns sein.

 

Heute sind wir glückliche Eltern einer gesunden, zauberhaften Tochter und fühlen uns alle drei wohl in unserem neuen Lebensabschnitt. Unser Mädchen wird erst viel später erfahren, dass es in eine Welt hineingeboren wurde, die völlig aus den Fugen geraten war. Ich hoffe, dass die Situation sich bis zur Taufe einigermaßen normalisieren wird und sie in der Kirche die unmaskiert lächelnden Gesichter ihrer stolzen Eltern und Großeltern betrachten kann. Wenn sie ihr Abitur macht, ist der Covid-Spuk hoffentlich vorbei.

30. Juli 2021

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Vivian (35) ist Architekturberaterin für Glasfassaden bei Großbauprojekten und hat im April 2021 unter Corona-Bedingungen ihr erstes Kind zur Welt gebracht.