Sascha

HÖHLENBEWOHNER

Als die Lage sich zuspitzte, wollte ich raus aus der Hauptstadt. Die Kanzlerin sprach im Fernsehen, während ich mein Auto betankte, um mein Landhaus zu erreichen. Die vorlesungsfreie Zeit sollte noch einen Monat dauern und ich glaubte, zu Ostern werde der Spuk vorüber sein.

 

Ich habe einen Zweitwohnsitz in Mecklenburg-Vorpommern und hörte bald, alle nicht Hauptansässigen könnten 'ausgewiesen' werden. Gerüchte, in anderen Dörfern seien Nachbarn denunziert worden, machten die Runde. Wegen des Kennzeichens versteckte ich deshalb mein Fahrzeug auf dem Grundstück und erledigte meine Einkäufe mit dem Rad. Ich wollte kein Risiko eingehen. Auf den Fernstraßen gab es Polizeikontrollen und die wenigen Male, die ich in die Stadt zurückmusste, habe ich mich die paar Kilometer bis zur brandenburgischen Grenze über Nebenstraßen durchgeschlagen.

 

Den ersten Lockdown verbrachte ich also in ländlicher Abgeschiedenheit. Für Literaturwissenschaftler ist das nicht so schlimm. Wir sind Höhlenbewohner und Einsiedler. Solange unsere Bücher greifbar sind, ändert sich an unserem Alltag wenig. Ich konnte lesen, schreiben, mich ungestört vertiefen. Ablenkungen wie Konferenzbesuche fielen komplett weg. Manche Kolleginnen und Kollegen schwärmten gar von ungeheurer Produktivität. Mein Beruf erfordert keinen täglichen Kontakt mit Studierenden. Ich habe an zwei Tagen pro Woche Lehrveranstaltungen und Sprechzeiten. Die übrigen fünf dienen der Forschung. Von daher war das keine schlechte Phase.

 

Dann begann das Sommersemester und die Pandemie war immer noch da. Die Rückkehr an die Hochschule bedeutete auch für meine Fakultät den Einstieg in die Online-Lehre. Obwohl wir alle davon wenig Ahnung hatten, mussten wir in kürzester Zeit Seminare und Vorlesungen für digitale Medien entwickeln. Von der Verwaltung gab es dafür wenig Unterstützung, jeder hat irgendwie rumprobiert. Ich erinnere mich genau, wie ich mittels dicker Folianten mein Laptop auf optimale Höhe brachte, damit die Kamera mir nicht in die Nase schaut.

 

Bis ins Frühjahr 2021 haben wir dann online unterrichtet. Für mich gab es während der drei ‚Corona-Semester‘ keine Pause. Obwohl ich nicht an meinem Universitätsstandort lebe, bin ich jede Woche hingefahren, um meinen Lehrverpflichtungen aus dem dortigen Arbeitszimmer nachzukommen. Das schuf eine Trennung von 'Office' und 'Home'. Mir lag daran, im Rahmen der Möglichkeiten ‚business as usual‘ zu betreiben. Was richtiger Freiheitsentzug bedeutet, musste ich erfahren, als ich zwei Wochen in Quarantäne saß, nachdem ich mich, vermutlich in der Bahn, infiziert hatte.

 

Es war nicht immer einfach, guten Kontakt zu den Studierenden zu halten. Einige hatten während des Unterrichts ihre Kamera nicht eingeschaltet und haben sich parallel mit anderem beschäftigt. Das wurde deutlich, wenn sie sich am Ende der Sitzung nicht ausloggten. Vielleicht haben sie nebenbei gekocht oder sind joggen gegangen. Groß war dagegen die Freude, als ich im Sommer 2021 im Hof des Institutsgebäudes wieder live unterrichten konnte. Manche jungen Menschen sind in der Abschottung wirklich vereinsamt. Die psychischen Folgen werden erst nach und nach sichtbar. Überbuchte Therapieplätze sprechen für sich.

 

Ich gehe trotz steigender Inzidenzwerte mit Zuversicht in den kommenden Winter. Wir wissen inzwischen mit der Lage umzugehen. Allerdings halte ich die geringe Impfquote für fatal. Ändert sich das nicht, ist diese Krise nicht zu überwinden.

7. November 2021

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Sascha (58) ist Professor für Literaturwissenschaft an einer deutschen Universität.