Reinhart

WARTESCHLEIFE

Ich habe den besten Job, den ich mir vorstellen kann. Seit 1989 bin ich Pilot, seit 1999 Flugkapitän und jeden einzelnen Tag mit Freude zur Arbeit gegangen. Nun befinde ich mich seit anderthalb Jahren in Kurzarbeit und weiß nicht, ob ich jemals wieder im Cockpit sitzen werde.

 

Dabei war ich Anfang 2020 gerade dabei, wieder einmal neu durchzustarten. Ich habe eine Ausbildung zum Ausbilder angefangen, nachdem ich einige Jahre den A380 geflogen war, das größte Passagierflugzeug der Welt. Noch im Februar war ich im Flugtraining, das war wahnsinnig spannend! Zur gleichen Zeit wurden schon erste Frequenzen gestrichen und die Dienstpläne immer weiter ausgedünnt. Mein letzter Einsatz ging nach Bangkok. Vor den Flügen im Rahmen der Rückholaktion von deutschen Urlaubern durch die Bundesregierung war das die letzte Strecke mit dem A380. Die Maschine ist ökologisch und wirtschaftlich nicht mehr zeitgemäß und wird von der Lufthansa wohl aus dem Verkehr genommen.

 

Zu allem Übel war ich also auch noch auf der falschen Flotte. A380-Piloten werden bis mindestens Ende 2021 nicht mehr fliegen, denn wir sind am billigsten, wenn wir zuhause bleiben. Das Kurzarbeitergeld war nämlich lange Zeit die größte Einnahmequelle für das Unternehmen, das im Lockdown zunächst eine Million Euro Verlust pro Stunde machte. Was danach aus uns wird, ist unklar.

 

Ich hatte also viel Zeit - und das Glück, dass ich von meinem reduzierten Einkommen mit ein paar Einschränkungen gut leben kann. Andere Airlines haben ihre Leute in den unbezahlten Urlaub geschickt oder einfach entlassen. Die gesamte Reiseindustrie ist ja komplett gegen die Wand gefahren.

 

Was also tun mit der geschenkten Zeit? Zukunftssicher und sinnstiftend erschien mir eine Weiterbildung zum Web-Designer oder Data Scientist. Ich entschied mich für ein Online-Selbststudium. Aber kaum war ich angemeldet, bat mich meine Schwester, beim Umbau ihres Hauses zu helfen. Ich habe mich also mit meiner langjährigen Renovierungserfahrung und großer Begeisterung an die Arbeit gemacht. Das war was Konkretes und die Bestätigung von außen tat gut. Dann kam die Anfrage von Freunden, denen ich eine Holzterrasse baute, die besser aussah als meine eigene. Und so ging das weiter. Zu meinen Onlinekursen komme ich überhaupt nicht.

 

Ständig werde ich dafür gelobt, wie toll ich mit dieser Krise umginge. Ich selbst frage mich manchmal, ob ich mit meinem Werkzeugkoffer in der Hand nicht einfach vor ihr davonlaufe. Das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, holt mich immer wieder ein. Ich will fliegen, und nicht bis an mein Lebensende Flächen glattschleifen oder Bilder malen, um den Dachboden mit Leinwänden vollzustellen.

 

Ich kreise in der Warteschleife und komme nicht vom Fleck. Im Auto stellt man im Stau den Motor ab. Ein Flieger muss in Bewegung bleiben, bis er endlich in den Anflug darf. Genau so ist das bei mir auch.

 

Ich hatte jetzt anderthalb Jahre keine Nachtarbeit und keine Zeitverschiebung. Aber eben auch keinen Sonnenaufgang über dem Nordatlantik. Das fehlt mir sehr.

 

23. Juni 2021

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Reinhart (56) ist Flugkapitän bei der Lufthansa und seit März 2020 nicht mehr geflogen.