Ralf

AUSFÄLLE UND EINFÄLLE

So richtig ernst hab ich es anfangs nicht genommen, dieses Virus aus Wuhan. Ich war gerade dabei, den Stift zu spitzen und die Arbeit an einem neuen Buch aufzunehmen. Von zeittypischen Empfindlichkeiten sollte es handeln, von Political Correctness und übertriebenem Anpassungseifer. Da gab es plötzlich nur noch eines: Corona. Für gendergerechte Sprache interessierte sich kein Mensch mehr, das Geschehen jenseits der Pandemie war wie ausgeknipst.

 

Die Vollbremsung war durchaus erholsam. Ich schloss mich der allgemeinen Verunsicherung an, ging spazieren und hielt Abstand. Die Sonne schien, ein praller Frühling tirilierte und ich hatte Köln noch nie so entspannt erlebt. Gut gelaunt übersetzte ich meine Corona-Erfahrungen in ein paar schnelle Cartoons und postete sie auf Facebook. Zu diesem Zweck habe ich das schwule Paar Konrad und Paul reanimiert, zwei Figuren, die charakterlich derart gefestigt sind, dass ich mit ihnen seit den neunziger Jahren an der Welt zweifeln kann, ohne mich über sie lustig zu machen. Das ist die beste Art von Humor. Konrad, Paul und ihre Lieben ließ ich nun also kopfschüttelnd durch den Ausnahmezustand taumeln und staunte selbst nicht schlecht über die gewaltige Resonanz. Die Leute saßen ja alle zuhause und wussten wenig mit ihrem unverhofften Zeitgewinn anzufangen. Also wurde wie verrückt geliked, geteilt und kommentiert. Das Belohnungszentrum in meinem Gehirn kam in Gang, ich habe Dopamin geleckt.

 

Dabei war es noch nie mein Ding, mal eben was auf Facebook zu posten. Im Normalfall erzähle ich längere Geschichten nach einem vorher erdachten Plot, der auch Jahre später noch funktioniert. Zum ersten Mal bemerkte ich jetzt, welches Potenzial in den sozialen Medien steckt. Als Rowohlt mir anbot, ein Buch mit diesen Zeichnungen zu machen, war das eine völlig neue Erfahrung für mich. Ein Buch mit Inhalten, die vorher schon tagesaktuell im Internet erschienen sind? Wow!

 

Acht Monate lang habe ich jeden Tag eine Sequenz aus vier Panels geschaffen, an guten Tagen sogar zwei. Mich interessierten vor allem die komischen, teils absurden Seiten der Geschehnisse, der Mensch als soziales Wesen und das, was er aus der Situation (bzw. die Situation aus ihm) machte. Manche Bizarrerie erfuhr ich erst aus den Kommentaren meiner Leser und hatte in der Lockdown-Einsamkeit eine Menge Spaß an diesem überraschenden Mitmacheffekt.

 

Doch ganz sicher werden auch künftig nicht alle Segnungen der Digitalisierung in meinen Alltag einziehen. Mit Zoom-Konferenzen beispielsweise kann man mich jagen! Ich möchte auch kein Internet in meiner Hosentasche und verweigere hartnäckig die Nutzung eines Smartphones. Zu meinem Beruf gehört es, dass ich mich langweile und einfach mal aus dem Fenster schaue. Konzentrations- und Fantasiekiller haben da nichts verloren.

 

So kam ich in den letzten siebzehn Monaten wunderbar mit mir zurecht. Ich entdeckte das Telefonieren neu und führte lange Gespräche mit alten Freunden. Mit 61 lässt meine Sehnsucht, nachts streunen zu gehen, langsam nach. Da stößt meinen Figuren heute weit mehr zu als mir selbst. Erstaunlich finde ich allerdings, dass junge Leute die Kontaktverbote ohne öffentliche Aufstände und Molotow-Cocktails ausgehalten haben. Aber vermutlich dank Internet - und zugunsten der kollektiven Anteilnahme an den Geschicken von Konrad und Paul - fiel die Revolution mal wieder aus. Insofern kann ich mich nicht beschweren.

16. September 2021

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Ralf König (61) ist Comiczeichner und Bestsellerautor. Seine Chronik zur Pandemie trägt den Titel ‚Vervirte Zeiten‘.