Ralf

OUT OF ISCHGL

Es war Freitag, der 13. März 2020 und es herrschte Chaos. Wir sind aus dem Tal geflohen, als wären wir auf der Flucht vor einem Feind. Manche haben ihr Equipment stehen lassen und sind einfach losgelaufen. Wenige Tage später war ich isoliert von meiner Familie und durfte wochenlang das Schlafzimmer nicht mehr verlassen.

 

Dabei fing alles an wie immer. Ich fuhr mit fünf Freunden nach Ischgl zum Skilaufen. Kurz davor hatten wir in Köln noch Karneval gefeiert und die wenigen bekannten Corona-Fälle in Tirol schienen uns trotz der Ereignisse in Heinsberg harmlos. Das Thema war ja noch ganz neu, Reisewarnungen gab es keine. Also waren die Bars und Clubs wie immer brechend voll, der Pistenbetrieb lief ganz normal.

 

Angekommen sind wir am Samstag. Am Dienstag prophezeite ein Kellner: „Ischgl wird am Wochenende dicht gemacht.“ Wir lachten ihn aus, aber er sollte recht behalten. Schon am nächsten Tag wurden die Bars geschlossen, am übernächsten wurde es langsam leerer an den Liften. Offizielles hörte man nicht, aber die Stimmung war angespannt. Wir hatten immer noch unseren Urlaubsspaß, sind tagsüber die Hänge runtergebrettert und haben anschließend auf unseren Zimmern Party gemacht. Wir fühlten uns gut.

 

Am Freitag um halb drei hat sich das schlagartig geändert. Wir saßen im Lift, da kam der Anruf vom Hotelier: „Sofort abreisen!“ Das Tal und alle Hotels würden noch heute geschlossen. Wir sind den Berg runtergerast, haben unseren Kram ins Auto geschmissen und sind im Schritttempo talauswärts geschlichen. Überall Straßensperren. Da wurden gerade Zehntausende von Touristen aus dem Gebirgskessel befördert, von denen viele das Virus mitnahmen und in aller Welt verteilten.

 

Zuhause angekommen habe ich mich freiwillig in Quarantäne begeben und es auch irgendwie geschafft, mich am nächsten Tag testen zu lassen. Das war ja damals noch nicht so einfach wie heute. Ich war positiv. Und einer meiner Mitreisenden war es auch. Ich hatte Glück: bei mir war der Verlauf harmlos, die Symptome waren nach wenigen Tagen abgeklungen. Dennoch steckte ich drei Wochen lang allein im ehelichen Schlafzimmer fest und bekam das Essen vor die Tür gestellt.

 

Einige von uns haben sich der Sammelklage angeschlossen. Und zunächst dachte ich: Nie wieder Ischgl! Die haben gegen alle guten Sitten verstoßen und Tausende von Menschen wissentlich in Gefahr gebracht. Das ist einfach unfassbar! Mittlerweile verklärt sich das ein wenig und ich würde zu gerne einfach nur wieder Skiurlaub machen. Egal wo.

 

 

02. Juni 2021

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Ralf Faber ist Familienvater und Kommunikationsmanager aus Köln. Er hat sich gleich zu Beginn der Pandemie das Virus eingehandelt.