Rainer

LIVE IS LIFE

Ich habe mich gewehrt bis zur letzten Minute, obwohl wir das Außergewöhnliche heranschleichen sahen. Die lit.COLOGNE 2020 sollte eine besondere werden. Schließlich feierten wir unser 20-jähriges Bestehen. Drei Literatur-Nobelpreisträger waren Teil des Programms, über 100.000 Tickets waren verkauft. Und jetzt saßen wir zusammen und versuchten, die Situation zu begreifen. Was war überhaupt eine Pandemie? Was hatten die dramatischen Bilder in den Medien mit uns zu tun? Was bedeuteten die Warnungen von offizieller Seite, was die ersten Absagen einiger unserer Autoren?

 

Noch am Tag des Festivalstarts habe ich morgens um acht ein Interview im Deutschlandfunk gegeben, in dem ich mit einem vollmundigen „Wir schaffen das!“ an der Durchführung festhielt, obwohl mir eigentlich schon klar war, dass es eher ein Pfeifen im Wald war. Mittags um zwei habe ich dann schweren Herzens in WDR5 die Absage verkündet.

 

Nach und nach fanden sich viele schockierte Mitarbeiter, Freunde und Partner in unseren Büroräumen zusammen. Gemeinsam versuchten wir, der Katastrophe etwas Positives entgegenzusetzen, daraus entstand dann spontan eine Art Verzweiflungsparty. Auch am Folgeabend der gecancelten lit.COLOGNE-Gala trafen Moderatorin Elke Heidenreich und rund 30 treue Freunde in einem Kölner Restaurant zusammen. Es wurde Herzzerreißendes vorgetragen und hilflos nach Ideen gesucht, um den Schaden so klein wie möglich zu halten. Selbst die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker kam und versprach ihre Unterstützung. Kurz zuvor hatte der Erfolgsautor Frank Schätzing im WDR-Fernsehen an die Zuschauer appelliert, sich ihre Tickets nicht rückerstatten zu lassen, das Geld quasi zu spenden, um den Fortbestand des Festivals zu sichern. An diesem Abend spürte ich zum ersten Mal diese riesige Welle der Solidarität, die uns bis heute trägt. Fünf Tage später kam der erste Lockdown.

 

Ohne die finanzielle Hilfe der Stadt Köln hätten wir unser Jubiläumsjahr nicht überstanden. Zum Glück blieben auch unsere Sponsoren uns gewogen. Und das Beste waren unsere Gäste und Besucher: Fast 50 Prozent der Tickets wurden nicht zurückgegeben!

 

Wir haben dann im Verlauf der Pandemie unter Einhaltung der Hygienevorkehrungen den Bürobetrieb weitgehend aufrechterhalten. Die physische Nähe hat uns geholfen, vorsichtig die nächsten Planungen vorzunehmen. Dann kam die nächste ‚Notbremse’. Statt für März planten wir 2021 sicherheitshalber für Juni, mussten aber bald erkennen, dass sich die Lage bis dahin nicht bessern würde. Erstmals fand also eine lit.COLOGNE vollständig digital statt. Immerhin: wir waren zurück - wenn auch nur im virtuellen Raum.

 

Bereits jetzt laufen die Vorbereitungen für März 2022, dann hoffentlich wieder auf der Live-Bühne. Kultur sowie der über so viele Monate ausgebliebene Diskurs muss im öffentlichen Raum stattfinden! Das Digitale ist eine wunderbare Ergänzung und wird unter bestimmten Voraussetzungen sogar ein kleiner Bestandteil unseres Konzeptes bleiben. Aber es geht nichts über die Aura der realen Präsenz.

 

Die Pandemie ist noch nicht vorbei und die Zukunft wird – Stichwort Klimawandel - neue und viel größere Herausforderungen bringen. Ich hoffe, dass wir in Deutschland gelernt haben, diesen vernünftiger und weniger angstgesteuert zu begegnen. Vieles wird in der Zeit nach der Ära Angela Merkel aufzuarbeiten sein - ohne Schuldzuweisungen, aber mit geweitetem Blick auf die Expertisen unterschiedlichster Disziplinen. Kurz: Wir müssen endlich zum Diskurs zurückfinden. Auch dafür bieten unsere Veranstaltungen die perfekte Bühne.

24. August 2021

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Rainer (61) ist Gründer und Geschäftsführer des europaweit größten Literaturfestivals lit.COLOGNE.