Petra

EARLY BIRD

Es ist nicht immer von Vorteil, unter den Ersten zu sein. Ich war bereits Mitte März 2020 corona-infiziert, zu einer Zeit, als dieses Ereignis noch alle total überforderte. Es war Samstag, ich hatte mit meiner Familie zu Mittag gegessen und war plötzlich so hundemüde, dass ich mich kurz aufs Ohr legte. Wenig später erwachte ich mit hohem Fieber. Das stieg übers Wochenende immer weiter an.

 

Am Montag - das war der Tag, an dem das ganze Land runtergefahren wurde - habe ich meinen Hausarzt kontaktiert. Der attestierte per Telefon, dass es sich um Covid-Symptome handele, ich solle mich in Quarantäne begeben und von meiner Familie fernhalten. Ich wollte Gewissheit und verlangte einen Test. Nicht möglich, war die Antwort. Voraussetzung dafür sei, dass ich den Kontakt zu einer positiv-getesteten Person nachweisen könne. Ich solle bitte auch auf GAR keinen Fall in der Praxis vorbeikommen, nicht einmal außerhalb der Sprechzeiten. Also ging ich auf Tauchstation und isolierte mich so gut es ging. Beim Gesundheitsamt wurde ich nicht erfasst, da ich nicht getestet war. Ich fiel also durch alle Raster und war auf mich allein gestellt.

 

Die Symptome verschlimmerten sich in den folgenden Tagen. Das Fieber blieb dauerhaft über 40 Grad, ich hatte höllische Kopfschmerzen, litt unter starker Übelkeit plus Darmbeschwerden und verlor Geschmacks- und Geruchssinn. Nach einer Woche war ich so ausgelaugt, dass meine Kraft kaum mehr zum Zähneputzen reichte. Fünf Kilos hatte ich bereits verloren. Ich lag einfach nur da und war zu nichts fähig. So ging das auch in Woche zwei. Den ärztlichen Vorschlag, mich ins Krankenhaus einzuweisen, lehnte ich ab und forderte einen Test. Aber es blieb dabei: Kein Test ohne den Nachweis, wer mich angesteckt hatte. Ich blieb weiter von der Welt abgeschnitten.

 

Nach zwei Wochen kam langsam der Appetit zurück und das Fieber ging runter. Die Kopfschmerzen aber blieben. Ich versuchte, Homeoffice zu machen, um mich wieder lebendiger zu fühlen. Nach einer Stunde ging nichts mehr. Jede kleinste Anstrengung warf mich aufs Krankenbett zurück.

 

Nach exakt vier Wochen war ich zum ersten Mal wieder im Büro. Inzwischen hatte sich herausgestellt, dass mehrere Kollegen ebenfalls infiziert waren und von wem sie angesteckt worden waren. Die Quelle war jetzt also klar. Und nach Feststellung meines Antikörperstatus hatte auch ich Gewissheit: Es war Covid-19.

 

Es dauerte, bis ich wieder die Alte war. Monatelang war ich angespannt, vergesslich und schnell überfordert. Schon bei einfachen Routinetätigkeiten verlor ich die Nerven. Außerdem war die Angst, das alles noch einmal durchmachen zu müssen, so groß, dass ich trotz Genesung extrem vorsichtig war.

 

Rückblickend war das Schlimmste diese grenzenlose Hilflosigkeit. Heute sorgen kostenlose und leicht zugängliche Tests für eine schnelle Diagnose und wir wissen viel mehr über die Krankheit. Ein solches Wissen hätte mir damals mehr Sicherheit gegeben, hätte mich aber nicht schneller geheilt. Allen, die Corona für eine gewöhnliche Grippe halten, kann ich nur sagen: Dieses Virus ist ein heimtückisches Biest, das wir sehr ernst nehmen sollten.

 

24. September 2021

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Petra (56) war schon am SARS-CoV-2-Virus erkrankt, als alle anderen sich noch mit Hamsterkäufen beschäftigten. Sie hat sich lange nicht davon erholt.