Niklas

MASKENTAUSCH

Im November 2019 hatte ich meinen ersten Auftritt bei einer Bohème Sauvage Show, einer dieser legendären Partys im Stil der mondänen Zwanziger Jahre. Monatelang habe ich darauf hingearbeitet und der Lohn meiner Mühen war groß. Vom Fleck weg habe ich Reichweite erzielt und Anfragen aus ganz Deutschland erhalten. Und doch war es ein Fehlstart vom Allerfeinsten. Corona leistete ganze Arbeit, sämtliche Termine wurden abgesagt.

 

Ich bin Niklas, Sachbearbeiter in der öffentlichen Verwaltung der Stadt Köln. Anfang 2019 habe ich mein Duales Studium mit dem Bachelor of Law abgeschlossen. Jetzt mache ich einen Nine-to-Five-Job. Durchaus mit Freude, da ich viel mit Menschen zu tun habe. Doch meine Künstlerseele kommt hier definitiv zu kurz.

 

Am Wochenende oder nach Feierabend bin ich Bijou (französisch für Juwel), ein Drag Artist und Travestiekünstler. Ich performe im Bereich Cabaret und Burlesque meine eigenen Nummern, moderiere Shows oder bin Teil des Kreativ- oder Backstage Teams. Wenn ich gut gebucht bin, arbeite ich sieben Tage die Woche. Ich liebe dieses Doppelleben. Samstagabends mit Netflix auf dem Sofa rumsitzen, das ist nicht meins!

 

Schon lange zog es mich zur Kunstform ‚Drag’. Es fing an mit meinem Faible für die Zwanziger Jahre und deren androgynem Schönheitsideal. Nachdem ich an ein paar Kostümpartys teilgenommen hatte, wusste ich, das ist mein Zuhause! Hier kann ich alles ausleben, was mir wichtig ist. Bühnenfiguren erschaffen, vom Make-up bis zu den Perücken und Kostümen. Ich mag es, unterschiedliche Identitäten anzunehmen und einen Charakter mit immer neuen Details auszustatten. Das Entwickeln einer solchen Rolle kann Monate dauern - und viel Geld kosten. 

 

Die erste Pandemie-Pause im Frühjahr 2020 war bitter. Die Hygienemaske ersetzte die der Femme Fatale. Als Beamter war ich zum Glück nie in Existenznot. Viele aus der Szene standen vor dem Aus oder gingen zurück in ihren alten Job. Depressionen waren keine Seltenheit. Auch ich war häufig gereizt, mir fehlte der kreative Ausgleich. Im Sommer konnten wir zum Glück wieder loslegen, wenn auch nur im kleinen Rahmen. 

 

Und dann kam auch schon der nächste Lockdown. Jetzt beschloss ich, von der performativen auf die visuelle Kunst umzusteigen, und habe angefangen, intensiver zu modeln und an meiner Selbstpräsentation zu arbeiten. Instagram wurde mein Scrapbook und ich begann, mich von den Zwanzigern zu lösen. In Fotoshootings habe ich diverse Looks ausprobiert, bin in historische Kostüme geschlüpft oder habe mich in die Sixties und Seventies vorgewagt. Es sind neue szenische Konzepte entstanden, meine Wohnung hat reichlich wechselnde Wandfarben gesehen und ich habe wieder angefangen zu malen.

 

Im Sommer 2021 bejubelte uns das beste Publikum aller Zeiten. Die Leute hatten einfach Bock auf Kunst. Die Eventbranche pausiert normalerweise in den Ferienmonaten, aber jetzt habe ich von Mai bis Ende Oktober durchgehend gearbeitet. Nach diesen wilden Monaten kann ich ein wenig Entschleunigung gebrauchen und werde den nächsten Pandemie-Winter besser zu nehmen wissen. Ich denke, dass wir alle an Corona gereift sind, nicht nur wir Kreative.

 

03. Dezember 2021

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Niklas (24) ist Sachbearbeiter in der öffentlichen Verwaltung und als ‚Bijou‘ ist er Drag Artist und Femme Fatale.
@thexbijou