Merle

FAIR LERNEN

Ich habe gerade Abitur gemacht, als Mitte März 2020 die Corona School gegründet wurde. Seitdem ist über ein Jahr vergangen und ich bin inzwischen eine von 15.000 Helferinnen und Helfern, die kostenlos und digital Schüler:innen beim Lernen unterstützen.

 

Aber der Reihe nach: In der Nacht vom 14. auf den 15. März 2020 haben die beiden Freunde Christopher und Gero eine Website veröffentlicht, über die sie ehrenamtliche Online-Nachhilfelehrer suchten. Die Schulen waren geschlossen und ebenso wenig auf den digitalen Unterricht vorbereitet wie Eltern und Schüler. Hier sollte die Corona School Abhilfe schaffen, indem über einen eigens entwickelten Algorithmus Lernpaare gebildet wurden. Schon nach einer Woche waren über 1.000 Nutzer:innen registriert, im April wurde ein Verein gegründet und die Arbeit hat sich seitdem immer weiter professionalisiert. Die Plattform heißt heute Lern-Fair und umfasst ein digitales Bildungsangebot mit vier Säulen: Die 1:1-Unterstützung, das Projektcoaching (vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern), Gruppenkurse fürs kollaborative Lernen sowie das Praktikantenprogramm Digital Lehren Lernen.

 

Ich bin im April 2021 Helferin geworden, als ich für mein Stipendium bei der Konrad-Adenauer-Stiftung auf der Suche nach einer geeigneten gemeinnützigen Tätigkeit war. Für mich als angehende Lehrerin war das natürlich die perfekte Aufgabe. Zumal sie in meinem Studium sogar als Praktikum angerechnet wird. Ich liebe es, Kinder fürs Lernen zu begeistern, und habe schon als Schülerin sehr viel Nachhilfe gegeben. Neu und gewöhnungsbedürftig war jetzt das digitale Unterrichten über Zoom. Aber bislang klappte fast alles reibungslos. Für uns Helfer:innen gibt es außerdem ein breites Angebot an Fortbildungen und Mentoringprogrammen oder einfach nur wöchentlichen Online-Meetings, in denen wir uns austauschen und vernetzen können. Inzwischen habe ich zusätzlich die Rolle eines ‚Campus Rep’ an der Universität Bonn übernommen, das heißt, ich bin vor Ort Ansprechpartnerin für Schulen, Studenten und die Öffentlichkeit.

 

Unsere Initiative hat eine Menge Preise gewonnen, wir waren zu Talkshows ins Fernsehen eingeladen und der Bundespräsident hat sich persönlich für unser Engagement in der Krise bedankt. Sogar mit Angela Merkel durften wir über die Schule der Zukunft diskutieren.

 

Uns wird es auch nach der Corona-Pandemie geben, das soll der Namenswechsel verdeutlichen. Wir sind keine temporäre Initiative mehr, sondern werden uns immer weiter entwickeln. Mit dem Namen Lern-Fair wird auch unsere Mission für mehr Bildungsgerechtigkeit stärker in den Vordergrund gerückt. Unser Angebot ist unentgeltlich. Wir wollen alle Kinder beim Erreichen ihrer Lernziele unterstützen - unabhängig von ihrem sozialen, kulturellen oder finanziellen Hintergrund.

 

Ich finde es faszinierend, was hier innerhalb kurzer Zeit auf die Beine gestellt wurde. Unser Bildungssystem steht vor sehr großen Herausforderungen, das hat nicht erst die Coronakrise gezeigt. Ich wünsche mir, dass wir weiterhin einen spürbaren Beitrag zur Chancengleichheit in Deutschland leisten, und bin stolz, dabei zu sein.

 

12.08.2021

Merle-29.jpg

Merle (19) studiert im 3. Semester Englisch und Geschichte und ist Campus Representative von Lern-Fair (früher Corona School) an der Universität Bonn.