Megjide

FÜR PAPA

Das Jahr 2020 sollte erfreulich werden. Ich saß an meiner Masterarbeit und fieberte dem bevorstehenden Ende meines Studiums und dem Berufseinstieg als Gymnasiallehrerin entgegen. Bald würde ich meine Eltern finanziell entlasten und etwas von dem zurückgeben, was sie für mich und meine Schwestern getan hatten.

An meinem Geburtstag im März wollte ich nach London fliegen. Stattdessen gingen wir einen Tag später in den kollektiven Lockdown. Meine Eltern arbeiteten wie gewohnt weiter, doch wir Mädchen waren alle noch in der Ausbildung und arrangierten uns zu Hause. Im Sommer verzichteten wir schweren Herzens auf den Familienurlaub im Kosovo. Und auch mein Wunsch, ein paar Monate lang zu reisen, erfüllte sich nicht.

2021 wird bestimmt alles besser, dachten wir. Aber dem war nicht so. Der Beginn meines Referendariats im Januar missglückte gründlich. Die Schulen waren geschlossen und ich konnte weder meine Schüler:innen noch die Kolleg:innen persönlich kennenlernen. Alles fand online statt. Erst kurz vor den Osterferien trafen wir uns endlich live im Klassenraum.

 

Nur wenig später hat mein Vater sich mit dem Coronavirus infiziert und die ganze Familie steckte sich bei ihm an. Die schlimmste Zeit meines Lebens begann. Schlimmer noch als der Kosovokrieg. Wir waren drei Wochen lang isoliert und der Gesundheitszustand meiner Eltern verschlechterte sich rapide. Ende April kam mein Vater ins Krankenhaus und wurde drei Tage später ins künstliche Koma versetzt. An einem Vormittag Mitte Mai ist er morgens um 4:30 Uhr gestorben. Zu dieser Zeit stand er sonst immer auf, um sich für die Arbeit fertig zu machen. Wir haben ihn verloren, ohne ihn noch einmal zu sehen, hatten nur die Bilder im Fernsehen, um uns vorzustellen, was im Krankenhaus geschah. Papa war erst 59 und hat sein Leben lang hart gearbeitet. Für uns, aber auch für die Verwandten im Kosovo. Er hatte viel Vertrauen in seine Wahlheimat Deutschland und hat sich hier sehr wohl gefühlt. Umso schwerer fällt es mir zu akzeptieren, dass wir ihm nicht helfen konnten. Bis heute habe ich das Gefühl, dass er da sitzt und auf mich wartet, wenn ich nach Hause komme. 

Papas Tod zeigte mir, wie kurz das Leben sein kann. In den darauffolgenden Tagen setzte ich mich intensiv mit dieser Tatsache und vor allem mit mir selbst auseinander. Der schwere Schicksalsschlag und die daraus gewonnenen Erkenntnisse führten zu einer beruflichen Umorientierung. Als ich nach Deutschland kam, sprach ich kein Wort Deutsch und kämpfte mich von der Förderschule bis zum Studium hoch. Ich war es mir selbst schuldig, auch beruflich etwas zu machen, das mich erfüllte. Jetzt war der Moment gekommen, dies umzusetzen. Dennoch entschied ich mich, zunächst in Hannover zu bleiben und meine Familie zu unterstützen.

Heute blicke ich optimistisch in die Zukunft. Meine Mutter und meine Schwestern geben mir Kraft und was passiert ist, hat uns motiviert, weiterzumachen. Nicht nur für uns, sondern auch für unseren Vater.

27. Februar 2022

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Megjide (29) arbeitet als Coach bei einem Bildungsträger in Hannover. Corona hat ihr großen Schmerz zugefügt, ihr aber auch viel Klarheit gegeben.