Kirsten

DIE HOMETRAINERIN

Seit zwanzig Jahren stehe ich beruflich auf zwei Beinen. Das war jetzt von Vorteil, denn als Physiotherapeutin war ich systemrelevant und konnte weiter arbeiten. Als Fitnesstrainerin dagegen erfuhr ich freitags, dass das Studio ab dem darauffolgenden Montag geschlossen werden würde.

 

Geht gar nicht, sagte ich mir, ich lasse meine Community nicht im Stich! Und habe das ganze Wochenende lang verschiedene Apps ausprobiert, um meine Trainings schnellstmöglich ins Internet zu verlagern. Ich kontaktierte sechzig Personen aus dem Studio und ein paar Freunde und Bekannte. Die Hälfte hat spontan ja gesagt. Jetzt kam der schwierigere Teil: die Gebrauchsanleitung. Ich habe jeden einzelnen Schritt am Computer abfotografiert, mit Erklärungen versehen und an die Gruppe geschickt. An einem Samstag Vormittag haben wir zusammen einen Probelauf gemacht und diejenigen, die keine Verbindung herstellen konnten, habe ich zuhause besucht, um ihnen bei der Einrichtung zu helfen. Einige waren immerhin über siebzig, da fehlte schon mal die erforderliche Routine im Umgang mit den digitalen Medien.

 

Irgendwann waren alle online und das Fitnessprogramm konnte starten. Ich dekorierte mein Wohnzimmer mit einem Herzlich-Willkommen-Schild und es war ein großes Hallo, als wir uns virtuell begrüßten. Am Anfang ruckelte es hier und da, aber mit der Zeit habe ich die Lektionen immer weiter professionalisiert und mir neue Hilfsmittel ausgedacht, um das Training möglichst lebendig zu gestalten. Luftballon, Besenstiel, Waschlappen - ich wurde immer kreativer. Im Winter machten wir unverdrossen Skigymnastik und imitierten in einer Stunde zwölf Wintersportarten. Und an Karneval turnten wir selbstverständlich kostümiert. Wir trafen uns bis zu drei Mal die Woche, immer sonntags habe ich das Programm für die kommende Woche durchgegeben.

 

Zu meiner großen Freude war die Resonanz überwältigend. Es waren Familien mit Kindern dabei, Paare und auch mal Freunde oder Freundinnen, die im Wohnzimmer, auf der Terrasse oder am Urlaubsort trainierten. Im Alter zwischen 19 und 75 hatten alle etwas davon und amüsierten sich, wenn mal wieder ein Hund oder ein Kleinkind durchs Bild sprang. Besonders schön war das Feedback der Alleinstehenden, die froh um die sozialen Kontakte waren, aber auch alle anderen waren dankbar für unsere gemeinsamen Stunden, die ihrer Woche eine Struktur gaben. 

 

Ich bot diese Kurse auf privater Basis an, quasi unter Freunden. Im Vordergrund stand der Spaß, aber ich habe unfassbar viel zurückbekommen! Mal lag ein Strauß frischer Blumen vor der Tür, mal hatte ich einen Restaurant-Gutschein im Briefkasten, mal ein schönes Buch. Alle haben sich etwas einfallen lassen. Einmal hat mir eine Teilnehmerin während des Trainings im Namen der Gruppe ein Geschenk vorbeigebracht und alle applaudierten live mit.

 

All das hat mich angespornt, weiterzumachen und am Ende konnte ich in einer Stunde bis zu 45 Menschen aktivieren. Ein bisschen wehmütig bin ich nach dem letzten Lockdown ins Studio zurückgekehrt - zusammen mit einigen anderen aus der Onlinegruppe. Wir sind nicht nur gemeinsam fit geblieben, wir waren auch füreinander da. In einer Zeit, in der wir uns wirklich brauchten.

29. August 2021

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Kirsten (46) ist Physiotherapeutin und Fitnesstrainerin - meist in einer ambulanten Rehaklinik oder im Fitnessstudio, zeitweise auch im digitalen Raum.