Ines

LEISER ABSCHIED

Meine Mutter war eine bezaubernde, lebensbejahende Frau. Trotz ihres hohen Alters und der harten Schicksalsschläge, die unsere Familie zu bewältigen hatte, blieben ihre Vitalität und ihr Humor ungebrochen. Bereits mit 24 wurde sie zum ersten Mal Witwe. Mein älterer Bruder hat einen frühkindlichen Hirnschaden - schwerstbehindert durch die Pockenschutzimpfung. Mein jüngerer Bruder nahm sich mit 27 das Leben. Sie selbst verlor vor einigen Jahren ihr Augenlicht, kam aber mit ihrer polnischen Hilfskraft und der Blindenführhündin Anna bestens über die Runden. Sie war schön und legte bis zuletzt Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Man stelle sich eine blinde Frau vor, die sich die Wimpern tuscht!

 

Irgendwann begann sie über Schmerzen in beiden Knien zu klagen. Die Orthopädin diagnostizierte Arthrose und spritzte Hyaluron. Nichts Großes also, für eine 84-Jährige war sie in Topform. Auch dass sie häufig müde war, machte uns keine übermäßigen Sorgen. Vielmehr beunruhigten uns die heranschleichende Pandemie und die veränderten Lebensumstände, auf die wir uns einzustellen hatten.

Es war am dritten Tag des ersten Lockdowns, am 18. März 2020, als mich frühmorgens ihre Hausärztin anrief, um mir die Ergebnisse einer Blutuntersuchung mitzuteilen: „Ihre Mutter hat akute Leukämie“, sagte sie. „Ihr bleibt nicht mehr viel Zeit und wir müssen sie sofort ins Krankenhaus einweisen.“ Krankenhaus? „Nein, das machen wir nicht!“ war meine Antwort. Ich wollte, dass wir meiner Mutter die letzte Phase ihres Lebens so angenehm wie möglich machten. Das Krankenhaus war dafür nicht der richtige Ort, schon gar nicht jetzt. Bis heute wundere ich mich, dass ich derart entschlossen reagiert habe. Ich plante also, mithilfe von Teresa aus Polen meiner Mutter diese Tortur zu ersparen. Wir stellten uns auf die häusliche Pflege ein.

 

Am nächsten Abend musste sie dennoch ins Krankenhaus - das Legen eines Blasenkatheters war notwendig geworden. Aber irgendwie schaffte ich es, dass sie am nächsten Morgen wieder nachhause gebracht wurde. Wegen Corona mussten ohnehin alle verfügbaren Krankenhauskapazitäten freigemacht werden. Es kamen noch zwei enge Freunde der Familie zu Besuch, doch keinem von uns war klar, dass der Abschied so unmittelbar bevorstand. Um 18 Uhr ist sie eingeschlafen. Innerhalb von zwei Tagen ist diese kraftvolle, lebensbejahende Frau einfach gegangen. Noch am Abend kam der Gemeindepastor und hielt eine kleine Messe. Am nächsten Morgen hatte sich ihr Gesichtsausdruck verändert. Sie lächelte.

 

Ganze fünf Wochen dauerte es, bis sie bestattet werden konnte. Unter normalen Umständen wäre es eine sehr große Beerdigung geworden - sie besaß einen riesigen Bekanntenkreis und genoss Zuneigung von Jung und Alt. Doch jetzt waren zur Beisetzung nur zehn Personen zugelassen, die Trauerhalle durfte niemand betreten. Trotzdem war es eine würdevolle kleine Feier. Ich habe selbst die Rede verfasst und gehalten und mein Mann und ich hatten viel Zeit und Muße, um Abschied zu nehmen. Corona hat manches erschwert im Leben. Jetzt aber haben gerade diese Umstände mir auch die Geborgenheit, die Ruhe und die Zeit zum Erinnern gegeben, die ich brauchte.

8. Oktober 2021

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Ines (58) ist Kommunikationstrainerin und - wie ihre Mutter - eine rheinische Frohnatur mit viel Herz und Humor.