Gisela

BEGEGNUNGEN

Ich war froh, während der Pandemie nicht mehr in der Schule zu sein. Seit elf Jahren bin ich nun im Ruhestand und wenn ich an meine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen denke, tut es mir zutiefst leid, welche besonderen Belastungen sie und ihre Schüler aushalten mussten und heute noch müssen.

 

Für mich selbst war die Zeit der Isolation auch nicht immer einfach. Es fehlte mir nicht an Ideen, was ich in meinen eigenen vier Wänden unternehmen könnte. Zumal ich mich dort sehr gerne aufhalte. So hatte ich endlich Zeit, eine große Kiste mit alten Fotoabzügen und Negativen zu sichten und zu sortieren. Außerdem nahm ich mir vor, herauszufinden, wo mein Vater als Tierarzt im Krieg war. Früher haben wir nie darüber gesprochen, weil das Thema ‚Drittes Reich‘ immer zu Streitereien führte. Aber mich immer wieder am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, das erforderte viel Energie. Nicht alle Vorhaben kamen zur Umsetzung.

 

Es gab auch ganz wunderbare Erfahrungen. Zum Beispiel die große  Hilfsbereitschaft unter den Menschen. Als ich im Rahmen der Rückholaktion des Auswärtigen Amtes meine Namibia-Reise abbrechen und mich in Quarantäne begeben musste, haben meine Nachbarn ohne zu zögern angeboten, für mich zu sorgen und meine Einkäufe zu erledigen. In dieser Zeit sind wir uns sehr nahe gekommen. Später dann, als beide mit ihren kleinen Töchtern im Homeoffice sehr unter Druck standen, habe ich die Familie einmal pro Woche bekocht. Das hat großen Spaß gemacht, denn für mehrere Personen ein leckeres Essen zuzubereiten lohnt sich viel mehr als für mich alleine. Überhaupt habe ich mich gerne in der Küche aufgehalten und Neues ausprobiert.

 

Auch die Umgebung Frankfurts habe ich neu erobert. Es war mir in dieser Zeit wichtig, körperlich mobil zu bleiben. So traf ich jeden zweiten Tag eine Freundin zum Nordic Walking im Park. Für die anderen Tage habe ich immer eine Begleitung zum Wandern gefunden und mich schließlich sogar mehr bewegt als vor Ausbreitung der Pandemie. Bei Wind und Wetter sind wir losgezogen und haben immer auch ein Picknick mitgenommen. So wurde das Naturerlebnis gleichzeitig zu einem kulinarischen - mit selbst gebackenem Brot, leckeren Quiches oder deftigen Stullen.

 

Ich denke, dass auch diese Zeit ihre zwei Seiten hatte: Phasen der Einsamkeit und der Sorgen wechselten sich ab mit Momenten voller Tatendrang und Spaß an neuen Begegnungen und Entdeckungen. Am meisten habe ich die Freiheit vermisst, selbst zu entscheiden, was ich mache. Im Ruhestand genieße ich z.B. den Luxus, spontan wegfahren zu können. Das hat mir sehr gefehlt. Ebenso kulturelle Aktivitäten wie Museen, Kinos, Theater und Oper. Online-Veranstaltungen können durchaus besondere Erlebnisse sein, aber der erste Gang ins Kino mit anschließendem Kneipenbesuch war nach der langen Zeit der sozialen und kulturellen Entbehrungen ein riesengroßes Glückserlebnis für mich.

 

Wenn die Pein einmal besonders groß war, half mir die Einsicht, dass es uns allen ähnlich geht. Dieses Wissen um die Gleichheit in der Not erzeugt bei mir ein sonderbares Gefühl der Gemeinschaft, der Zusammengehörigkeit.

25. August 2021

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Gisela (75) ist eine pensionierte, reise-, lese- und lebenslustige Lehrerin aus Frankfurt am Main.