Gerhard

Opa
Hardle

Ich bin 95 Jahre alt und dankbar für jeden Tag, an dem ich in meinen Weinberg gehen kann. Das ist mein zweites Zuhause. Dort fühle ich mich sicher, dort gibt es kein Corona. Ich bin mit der Landwirtschaft aufgewachsen und mein ganzes Leben hat sich am Fuße des Fellbacher Kappelbergs abgespielt. Unterbrochen lediglich durch die Kriegsjahre. Und wer die überstanden hat, der hat keine Angst vor einem Virus.

 

Wie viele andere hatte auch meine Familie einen landwirtschaftlichen Mischbetrieb mit Wein, Obst, Gemüse, aber auch Hühnern, Schweinen und Milchkühen. Das Gemüse haben wir bis in die Sechziger Jahre mit dem Leiterwagen, später mit dem Schlepper auf den Stuttgarter Markt gefahren. Nachdem meine Tochter ins Weingut Aldinger eingeheiratet hatte, spezialisierten wir uns auf Obst- und Weinbau.

 

Auch im Lockdown war ich jeden Tag an der frischen Luft. Bei den Bäumen und den Reben, wo es immer etwas zu tun gibt. Deshalb hat sich für mich eigentlich nicht viel verändert. Ich lebe seit dem Tod meiner Frau alleine und in der Coronazeit bewegte ich mich nur noch im Kreis meiner Kinder, Enkel und Urenkel. Im Betrieb wurden Masken getragen, und ein paar Monate lang konnten keine Weinproben mehr stattfinden. Aber wir haben die Krise gut überstanden. Der Weinbau ist anfällig für extreme Witterungsereignisse wie Frost, Hagel, Trockenheit und Starkregen, nicht aber für ein Virus.

 

Vermisst habe ich die regelmäßigen Treffen mit meinen gleichaltrigen Freunden. Wir gehen jeden Sonntag zusammen essen und sprechen über Politik, Familie, Sport und alles, was die Woche über passiert ist. Darauf freue ich mich immer sehr und habe bedauert, darauf verzichten zu müssen. In die Kirche konnte ich aber weiterhin gehen. Ich bin christlich erzogen und der evangelischen Kirche immer treu geblieben. Der Sonntagsgottesdienst ist deshalb ein fester Programmpunkt in meinem Leben. Durch das Tragen der Maske hat man die anderen Leute nicht so gut erkannt wie sonst. Auch das Singen fiel weg und wir haben alle nur in die Maske hinein gebrummt. Aber das ist besser als nichts.

 

Ich bin froh, dass ich noch Autofahren kann. Seit 72 Jahren habe ich meinen Führerschein und noch nie einen Unfall verursacht. Zu Fuß komme ich halt nicht mehr so gut zurecht, alles geht  inzwischen ein bisschen langsamer. Jeden Abend fahre ich zum Friedhof und besuche meine Frau Inge. Das ist nach Feierabend mein letzter Gang. Zuhause trinke ich später ein Achtel Trollinger, schaue die Nachrichten und gehe schlafen.

 

Jetzt bin ich geimpft und kann wieder meine Freunde treffen, an den gemeinsamen Mittagessen im Weingut teilnehmen und den Gesellen zeigen, wie man Weiden bindet.

19. Juli 2021

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Gerhard „Hardle“ (95) liebt die Arbeit in der Natur und geht auch im hohen Alter noch jeden Tag in den ‚Wengert‘