Günni

ERHOLUNG PUR

Am Anfang war es, als hätte jemand ein riesiges Tor zugemacht. Ich kann mich genau an den ersten Tag erinnern. Ich fahr morgens raus und denke: Das gibt’s doch nicht! Da war keiner auf der Straße. Die erste Woche war wirklich gespenstisch und ich habe mich gefragt, was da wohl noch auf uns zukommt. Doch ab der zweiten Woche  begann ich, es zu genießen.

 

Anders als bei den vielen Menschen, die mit Kurzarbeit konfrontiert waren, wurde uns direkt gesagt, dass der Nahverkehr systemrelevant ist. Über meinen Job als Straßenbahnfahrer habe ich mir also erstmal keinen Kopf machen müssen. Wegen dem geringen Fahrgastaufkommen wurde relativ schnell auf Samstagfahrplan umgestellt, damit unsere Dispo flexibler agieren konnte. Somit war es möglich, Überstunden abzubauen und von den rund 180 Straßenbahnfahrern dem einen oder anderen freizugeben.

 

Was wegfiel, waren die anderen Verkehrsteilnehmer, mit denen wir sonst jeden Tag zu kämpfen haben. Es waren kaum Autos auf der Straße, kaum Fahrräder und nur sehr wenige Fußgänger. Es war einfach nur Erholung pur. Der Verkehr hat ja in den letzten zehn, fünfzehn Jahren enorm zugenommen. Aber die meisten von uns haben vermutlich erst jetzt gemerkt, wie stressig unser Job ist. Im Alltag realisierst du das gar nicht so. Es ist nicht das Steuern der Bahn, was enorm anstrengt, es ist das hektische Drumherum. So ein Dreißig-Tonnen-Fahrzeug lässt sich eben nicht so leicht manövrieren wie ein Pkw. Eine Straßenbahn hat einen ewig langen Bremsweg. Du musst also acht Stunden lang zu hundert Prozent aufmerksam sein. Und jetzt auf einmal diese Ruhe! Es war ein ganz anderes Arbeiten, wir konnten einfach laufen lassen. Verspätungen gab es so gut wie keine und die Krankheitsquote ging stark runter, weil der Stress fehlte. Ich war noch nie so erholt in meinem Job. Erst jetzt, nach Ende des langen Lockdowns und mit Rückkehr der Home-Office-Arbeiter in ihre Büros, nimmt der Verkehr wieder zu und die Bahnen werden voller.

 

Irgendwann begann ich dann doch, die Fahrgäste zu vermissen. Ich mache meinen Job, um Leute von A nach B zu bringen. So herrlich es ist, auf leeren Straßen unterwegs zu sein, auf Dauer macht das keinen Spaß. Eine Straßenbahn lässt sich am schönsten bewegen, wenn sie ganz voll ist. Je mehr Gewicht sie hat, desto ruhiger läuft sie über die Gleise.

 

Mir fehlten auch die geselligen Anlässe mit den Kollegen wie z.B. meine Speedminton-Betriebssportgruppe. Die Kommunikation funktionierte recht gut, obwohl die Kantine geschlossen war und es keine Betriebsversammlungen gab. Über Aushänge, das Intranet oder unsere Disponenten waren wir immer auf dem Laufenden über die aktuelle Lage. Insgesamt kam ich bis jetzt gut über die Runden und hoffe, wir haben das Schlimmste hinter uns.

 

 

1. Juli 2021

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Günni (55) ist seit fünfundzwanzig Jahren glücklicher Straßenbahnfahrer bei den Stadtwerken Bonn.