Diego

BLIEV ZOHUSS
 

Corona hat mich in doppelter Hinsicht hart getroffen: beruflich, aber auch in meiner Eigenschaft als Karnevalist. Ich bin seit vielen Jahren in der Gastro- und Eventbranche tätig und habe gleich zu Beginn der Pandemie einen großen Teil meiner Aufträge verloren. Bis heute diktieren das Virus und seine Folgen mein Geschäft und nur langsam erhole ich mich von den Verlusten der letzten Monate. Auch Karneval wurde in diesem Jahr aus dem Kalender gestrichen. Ich lebe seit 26 Jahren in Köln und das ‚Einmal jeck, immer jeck‘ ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Umso schmerzlicher ist die Zwangspause, die uns im letzten Jahr getroffen hat.

 

Karneval begleitet mich schon mein ganzes Leben. In meiner Heimat, der Dominikanischen Republik, habe ich bereits als Kind die traditionellen Umzüge und Feste erlebt. Jede Stadt, jede Provinz hat dort ihre eigenen farbenprächtigen Kostüme und Masken. Der Carnaval Dominicano geht zurück bis in die Zeit der spanischen Kolonialisierung und viele sagen, dass er mit den Pappnasen und Büttenreden hier in Deutschland wenig zu tun hat. Ich sehe das anders! Karneval ist Kultur- und Traditionspflege und erfreut Menschen, unabhängig von Herkunft, Beruf oder sozialem und finanziellem Status. Ich sehe meine Mission als Karnevalist darin, Menschen miteinander zu verbinden. Ich will Brücken bauen zwischen der deutschen und der lateinamerikanischen Kultur. Karneval ist sozusagen mein Beitrag zur aktiven Völkerverständigung. Und seit 2014 bin ich stolzes Mitglied bei den Roten Funken, dem ältesten Traditionscorps der Stadt Köln. 

 

Die Session 2020/21 ist bekanntermaßen ‚wegen dem Corönche’ ausgefallen. Es gab keine Sitzungen, keinen Rosenmontagszug, keine Präsenzveranstaltungen. Auch wenn es mir mit meinem Latino-Temperament schwerfällt, die Füße stillzuhalten, fand ich diese Entscheidung absolut richtig. Seit der Erfahrung von Heinsberg wussten wir ja, was große Events zur Ausbreitung des Virus beitragen können. Aber eine Qualität der Funken ist es, aus allem das Beste zu machen. Warum also nicht einmal Karneval ganz anders? 

 

Am 11. November um 11:11 ließen wir einen Zeppelin mit dem Funkenlogo und der Aufschrift ‚Bliev zohuss‘ (Kölsch für ‚Bleib zuhause') über die Innenstadt fliegen. Der brachte es bis in die Tagesthemen und ganz Deutschland trauerte mit uns um den ausgefallenen Sessionsauftakt. Von da an verlagerten wir unsere Aktivitäten ins Netz: über Mail-Depeschen und Online-Treffen haben wir Mitglieder uns regelmäßig verständigt. Traditionelle Großveranstaltungen wie das Regimentsexerzieren oder das Funkenbiwak wurden kurzerhand ins Studio geholt und in unsere Wohnzimmer übertragen. Dort konnten wir auch am Online-Fitnessprogramm teilnehmen, das unser Tanzpaar angeleitet hat. Vor Weihnachten kam der Vorstand sogar persönlich zu mir (und jedem anderen der 550 Mitglieder) nach Hause und überreichte mir ein Geschenkpaket mit dem neuen Orden.

 

So haben wir Karnevalisten zusammengehalten und uns gegenseitig ein Stück Mut und Fröhlichkeit geschenkt. Wenn sie mich in meiner rot-weißen Uniform sehen, fragen meine Freunde mich häufig: Wie kann man als Latino Karnevalist sein? Das kann ich nicht erklären, sage ich dann. Dat is dat Kölsche Lebensjeföhl.

 

14. September 2021

Diego-12.jpg

Diego (51) ist Gastronom, Eventmanager und leidenschaftlicher Karnevalist bei den Roten Funken, dem ältesten Traditionscorps in Köln.