Christian

SEELE UND SORGE

Social Distancing war für mich das Unwort des Jahres 2020. Gemeint war damit das räumliche Abstandhalten zum Schutz vor Infektionen. Wörtlich bedeutet es aber genau das Gegenteil dessen, was wir in Zeiten der Krise und der Krankheit brauchen: nämlich Nähe und Solidarität. Viele suchen gerade jetzt nach Antworten, nach Gemeinschaft und nach stabilisierenden Ritualen. Insbesondere bei Jugendlichen hat der Lockdown eine große Lücke hinterlassen. Sie brauchen den Kontakt zu Gleichaltrigen - nicht nur im digitalen Raum. Diese Lücke möchte ich mit meiner Arbeit schließen.

 

Ich wurde vor zwei Jahren zum Priester geweiht, befinde mich also noch am Anfang meiner Laufbahn. Im September 2020 habe ich mich riesig gefreut auf meine neue Aufgabe als Kaplan und Stadtjugendseelsorger in Bonn. Der Start war herausfordernd. Seelsorge lebt davon, dass man Beziehungen zu Menschen aufbaut und durch persönliche Begegnungen und gemeinsame Unternehmungen deren Vertrauen gewinnt. Unter Corona-Bedingungen war das nur schwer möglich.

 

Vieles hielt in Lockdown-Zeiten die Menschen davon ab, in die Kirche zu kommen. Corona natürlich, aber auch das Missbrauchsthema, vielleicht sogar ich selbst, der neue Seelsorger, den keiner kannte. Das war aber auch eine Chance. Denn wer trotzdem kam, der hatte eine tiefe Sehnsucht oder einen starken Glauben. Insofern habe ich die Jugendgottesdienste, die sonntagabends stattfanden, als sehr kraftvolle Momente erlebt. Manchmal waren wir nur zu zwölft in der Kirche, aber zwölf Menschen auf einem Fleck, das kam ja im vergangenen Jahr nicht so oft vor. Da ist dann wirklich etwas gewachsen.

 

Viel mehr war in Präsenz nicht möglich, wir haben also von Beginn an auch digitale Angebote gemacht. Es wurden Gottesdienste gestreamt, kleine Videoimpulse verbreitet oder digitale Gesprächsformate über Zoom organisiert. Die Nachfrage nach konkreten Hilfsangeboten im Lockdown war zunächst eher gering. Dennoch waren diese digitalen Initiativen aus meiner Sicht ein Erfolg. Durch die Plakate und Social Media-Aktionen wurde eine ganze Reihe von Menschen auf unsere Jugendkirche aufmerksam, etliche haben mich mit ihren persönlichen Anliegen direkt kontaktiert. Hier konnte ich wirklich helfen und es war erfüllend zu erleben, dass meine Arbeit einen Sinn hat.

 

Die politische Debatte über die Systemrelevanz der Kirche fand ich unglücklich. Als Kirche wollen wir nicht ein System erhalten, sondern dem Einzelnen beistehen. Für mich war es ein Skandal, christliche Feiertage wie Ostern für einen Lockdown nutzen zu wollen. Das wird weder der Religionsfreiheit gerecht noch dem grundgesetzlichen Schutz der Feiertage. Und mit Infektionsschutz lassen sich solche Maßnahmen auch kaum begründen. Wenn ein Lockdown erforderlich ist, dann muss er stattfinden. Sofort und ohne 14 Tage lang die Wirtschaft am Laufen zu halten, um dann ausgerechnet an den höchsten kirchlichen Feiertagen alles stillzulegen.

 

Für mich war mein Glaube in dieser Zeit eine große spirituelle Kraftquelle. Viele haben diese Krise auch ohne Glauben aushalten können. Not lehrt nicht unbedingt beten. Aber für einen relevanten Teil unserer Gesellschaft ist es wichtig, ein zusätzliches Sinnangebot zu erhalten. Wir müssen nicht nur unsere physische, sondern auch die seelische Gesundheit schützen. Der eine hat dafür einen guten Freund, der nächste einen Psychologen. Wieder andere nehmen auch eine transzendente Perspektive hinzu und suchen nach einem Gott, der gerade in schwierigen Momenten Antworten geben und Sehnsüchte stillen kann. Dafür möchte ich werben.

29. Juni 2021

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Christian (35) ist Kaplan am Bonner Münster und Stadtjugendseelsorger. Er ist promovierter Jurist und Theologe.